Von der Post- zur Spätpostmoderne

Perspektiven einer literarischen Grundlageninnovation

von Karl M. Arx

 

Als der Romantikexperte Friedhelm Frack die Bezeichnung "Spätpostmoderne" aufbrachte, hat er sich wohl nicht träumen lassen, wie viel Verwirrung er mit diesem Neologismus stiften würde. "Eigentlich", so rechtfertigte sich Frack später, habe er "nur auf die Perspektivlosigkeit postmoderner Literaturpraxis und -reflexion hinweisen und einen Gegenakzent setzen wollen". Dieser "Gegenakzent" war zweifellos hilfreich, um die wenig erneuerungsfreudige Literaturproduktion kritisch ins rechte Licht zu setzen: Denn das reine Wiederkäuen tradierter lyrischer und Prosatechniken, das immer wieder als zentrales (oder einziges) Definiens einer nur scheinbar qualitativ neuartigen Literatur herhalten muss, rechtfertigt das Attribut eines epochalen Paradigmenwechsels ebenso wenig wie die in Mode gekommene Praxis einer verstärkten verbalakrobatischen Effekthascherei um ihrer selbst oder um der oberflächlichen gesellschaftlichen Anerkennung willen. Dennoch muss, soll er sein konstruktives Potenzial entfalten können, der Fracksche Ansatz vom Kopf auf die Füße gestellt werden: Es geht nicht um die vorschnelle Skizzierung einer neuen Kunstepoche, für die es noch kaum paradigmatische Werke gibt; vielmehr geht es um den Entwurf einer neuen Grundlage literarischer und künstlerischer Arbeit im Allgemeinen. Hier hat Unernst Kandl mit seinem kritischen Hinweis, den er in seinem ersten und einzigen Interview nach dem Obermaisbacher Literaturpreis für innovative Sprachkunst gegeben hat, völlig recht: Dem modernen Menschen, dessen Wertorientierungen sich als ungeeignet erwiesen haben, ein nahezu restlos entfremdetes Dasein ebenso lust- und geistvoll wie (pro)aktiv gestaltend zu bewältigen, folgt - zunächst als utopische Vision - der Typus des ganzen Menschen, der sich seine Sinn- und Wertperspektive kreativ erschafft. Die zentrale Frage, mit der sich der spätpostmoderne Mensch als eigenständig denkendes Wesen konfrontiert sieht, zielt nach Kandl darauf, "wie er aus der ganzen Scheiße, die man ihm vorsetzt, etwas Positives machen kann". Diese Fragestellung weist zwei Dimensionen auf, die untrennbar miteinander verbunden sind: die Dimension einer konstruktiv-sinnstiftenden Perspektive aktiven Gestaltens und die Dimension, die auf die geeigneten Vorgehensweisen bezogen ist. Zwar lehnt Kandl den psychoanalytisch orientierten Ansatz Alfred Biemanns ab, die "spielerische Überwindung des Daseinskampfes hin zur Kunst" als konstruktiv-analytische Basiserfahrung sehen zu wollen ("Das können Sie vergessen, so etwas gibt es gar nicht."), aber in einer "von diesem Seelenschrott ledigen Version" erkennt er die Formel eines Neuansatzes.

 

LITERATUR ALS ÜBERLEBENSKUNST

Der Mensch, der in einer profit- und machtorientierten Gesellschaft verlernt hat, "wahrhaft human und das heißt auch: kreativ" (Kandl) zu sein, sieht sich einflusslos in einen Daseinskampf geworfen, in dem er selbst durch innovativste Leistungen nicht bestehen kann. Denn "Innovation" bezeichnet die systemfunktionale Reduzierung humaner Existenz und Kreativität auf den Aspekt der (Aus)Nutzbarkeit. Will er in diesem Kampf als Mensch (und nicht als Funktion des Systems) bestehen, dann muss er sich zunächst spielerisch lernend mit den alltäglichen Kriegserklärungen in den Massenmedien, aber auch im unmittelbaren zwischenmenschlichen Kontakt auseinander setzen. Im lebenslangen Prozess eines aktiv-gestalterischen Protestes um seines Menschseins willen kann der homo tardopostmodernicus zur Kunst und damit zu sich selbst finden. Dabei ist der Weg das Ziel; das Spiel selbst ist schon Kunst: eine Überlebenskunst, die zusehends die Qualität einer Lebenskunst annimmt. Zugegeben: Diese Interpretation transzendiert die Kandlsche Position, die als subjektiver Ansatz eines Künstlers nicht den Status einer Theoriekonstruktion beansprucht. Und dennoch leistet sie nur die konsequente Weiterentwicklung eines Ansatzes, auf dessen Grundlage sich auch die Funktion von Literatur neu bestimmen lässt. Literatur ist wie jede Form der Kunst nicht mehr ein losgelöstes Überbauphänomen, das nur Rückschlüsse auf die wirtschaftlich-soziale Basis humanen Daseins ermöglicht. Die Kunstform der Literatur ist selbst praktischer Lebensvollzug, Ausdruck und zugleich unverzichtbares Agens einer umfassenden Überlebenskultur, die nicht nur permanent auf die soziale Basis einwirkt, sondern deren konstitutiver Bestandteil ist.

 

AKTIVES BEKENNTNIS ZUM HUMOR

Literatur ist damit nicht mehr Fluchtpunkt (wie bei Handke), gelebte Gegenwelt (wie bei Kafka) oder eine Überwelt (wie bei Nietzsche), an deren abgehobenen Ansprüchen der geniegläubige Mensch scheitern muss. Literatur ist Leben. Und deshalb gelten die gleichen archetypischen Gesetze. Hermann Hesse, der bei allen Versuchen einer systemüberschreitenden Sinnschöpfung ein der Moderne verhafteter Literat geblieben ist, hat in seinem wohl kritischsten Roman (vom "Steppenwolf" Harry Haller) und der ihm korrespondierenden Gedichtsammlung ("Krisis") die tragende Haltung benannt, die gerade den sensiblen, hochgeistigen Menschen unter stumpfsinnig bürgerlichen Verhältnissen überleben lässt: den Humor. Insofern ist es nicht verwunderlich, dass sein Gedicht von der Kunst des Pfeifens ("auf mich, auf dich, auf alle Welt zu pfeifen") bei aller humoristischen Qualität ein Dilemma (den Wunsch nach einem Diogenes-Dasein) beschreibt. Spätpostmoderne Literatur ist ein aktives und positives Bekenntnis zum Humor als ihrer tragenden Grundlage. So sehr, dass es eigentlich ein Pleonasmus ist, von einer "humoristischen Literatur der Spätpostmoderne" zu sprechen. Humor ist Voraussetzung und Ziel, ja, sich fortentwickelndes und stabilisierendes Fundament der spielerischen Überwindung des (Daseins)Kampfes hin zur Kunst. Der spätpostmoderne Dichter sieht sich aber mit dem Problem eines gesellschaftlich diskreditierten Humors konfrontiert. Ausgerechnet jene wirtschaftlich und politisch Herrschenden, die - wie zu Heinrich Heines Zeiten - öffentlich Wasser predigen und heimlich Wein trinken und sich darüber ins Fäustchen lachen, dass die breite Masse (beim Fernsehen und Illustrierten-Durchblättern) die Funktion eines Müllschluckers für pseudokulturelle Machwerke übernimmt, haben für den kulturellen und kulturkritischen Bereich die Maxime von der Minderwertigkeit humoristischer Werke salonfähig gemacht. Wen wundert's? Geht doch vom aktiven Humor eine anarchisch bis revolutionär wirkende Kraft aus, die bestehende Verhältnisse infrage stellt. Die Chance eines literarischen Neuansatzes unter spätpostmodern-emanzipatorischem Vorzeichen ist indessen auf eine zweite Entwicklung bezogen, die eine qualitativ neuartige Infrastruktur für literarische Produktion bereitstellt: Die so genannten "neuen" Medien eröffnen, die reale Nutzung ihres interaktiven Potenzials vorausgesetzt, eine Vielzahl neuer und effizienter Ausdrucks- und Verbreitungsformen auch für Literatur. Sie stehen - mit ihrem Gegensatz zu den persuasiven Massenmedien wie Film, Fernsehen und Rundfunk und im Gegensatz zu den Printmedien, die die Rolle des Rezipienten mit vereinten Kräften auf das Wiederkäuen hermetisch verfälschter Wirklichkeit reduzieren - für eine revolutionäre Entwicklung im Bereich der Produktivkräfte, die mit den bestehenden Produktions- und Eigentumsverhältnissen kollidiert. Spätpostmoderne Literatur kann diese Entwicklung nutzen, um im Interesse wahrhafter Humanität den Spieß umzudrehen und im Demaskieren entfremdeter Pseudohumanität und -kultur eine neue Existenzform zu erschließen, die die historische Synthese lustvoll antizipiert.

 

 

ZUR PERSON

Karl M. Arx ist wissenschaftlicher Leiter des Virtuellen Instituts für satirische Kandl-Studien (VIsKaS). Gemeinsam mit zahlreichen weiteren virtuellen Mitarbeitern erforscht Arx neben Leben und Werk Unernst Kandls die kulturellen, literarhistorischen und -soziologischen Voraussetzungen und Konsequenzen spätpostmoderner Poesie und Prosa. Der in Trier geborene Arx blickt auf eine ebenso lange wie rege Publikationstätigkeit im philosophischen und sozioökonomischen Bereich zurück. Dass er sich den "leichteren Künsten" zugewandt hat, ist in seiner "Schlüsselerfahrung" begründet: "Es war auf die Dauer unglaublich deprimierend, die bestehenden Verhältnisse immer nur zu analysieren und sie nicht ändern zu können." Gerade für seine persönliche Psychohygiene sei es "tausendmal besser, an der Entwicklung eines systematischen Fundaments der vielversprechenden spätpostmodernen Perspektive auf ein subjektiv lustvolles Dasein mit ästhetischem Ambiente mitzuarbeiten".